The Wire
In The Wire sind die Räume längst so gebaut, dass aus Schwäche Betrieb wird.
Vielleicht sind wir technisch tatsächlich erwachsen. Netze, die Kontinente verbinden, Maschinen, schneller als jedes Nervensystem.Und doch reicht ein Kommentar, und es kippt. Manchmal nur ein Widerspruch. Dann stehen wir da wie Stämme, nicht wie Bürger.
Geräte in der Hand, die mehr Macht bündeln als frühere Imperien, und in der Brust Angst vor Ausschluss, Hunger nach Zugehörigkeit, diese feine Allergie gegen Rangverlust.
Ich merke es bei mir: wie schnell ich recht haben will, wie leise sich Kränkung als Moral verkleidet und Zugehörigkeit sich anfühlt wie Wahrheit.
Neulich im Supermarkt. Müde. Dünnhäutig.An der Kasse drängelt sich einer vor, als wäre es selbstverständlich. In mir geht sofort ein kleiner Richter an, geschniegelt und bereit.Ich sage nichts. Innerlich stelle ich ihn an die Wand und spüre dabei, wie mein Kiefer hart wird.
Es geht nicht um zwei Minuten. Es geht um Rang.Er hat mich klein gemacht, so fühlt es sich an. Wie schnell ich daraus eine Weltfrage mache, ist fast peinlich.Ich will einfach nicht übergangen werden. Punkt.
Vielleicht, weil Macht ein uraltes Versprechen berührt. Sicherheit, Bedeutung, Überlegenheit.Klingt hässlich. Ich glaub es trotzdem.
Vielleicht ist das System nicht gegen uns. Nur nicht für unser seelisches Gleichgewicht gebaut. Es belohnt Geschwindigkeit, Reaktion, Positionierung. Reife ist langsam und still. Niemand klatscht.
Manche Tage fühlt sich die Welt persönlich an. Als würde sie bewerten, sortieren, verwerten. Als wäre man eine Zahl mit Haut.Vielleicht ist sie nur gleichgültig: Effizienz statt Würde, Reichweite statt Beziehung, Funktion vorn, das Gefühl irgendwann hinterher.
Wir versuchen, darin weich zu bleiben.Manchmal gelingt es. Oft nicht.
Manche haben darin eine Rolle gefunden und verteidigen das System. Wahrscheinlich klammere auch ich mich an Strukturen, die mich erschöpfen, weil sie Identität geben.„Ich bin jemand“ fühlt sich besser an als „ich bin unsicher“.
Ich rede mir das schön. So eine saubere Selbstkritik, fast schon brav.Dabei ist es einfacher. Ich will Applaus. Ich will Recht. Und ich will nicht, dass jemand sieht, wie dünn die Haut gerade ist.
Bequemer wäre: die da oben, die Technik, die Politik.Wenn ich ehrlich bin, beginnt es kleiner. Im Wunsch, gesehen zu werden. Im Impuls, zu dominieren statt zu verstehen. Im Reflex, mich zu erklären, damit ich dazugehören darf.
Wie viel Unreife führen wir den Systemen täglich zu? Wie viel Hunger, wie viel Angst, wie viel „ich muss gewinnen“?
Vielleicht beginnt Reife nicht mit Kontrolle, sondern mit Verlangsamung. Mit dem Mut, nicht sofort zu reagieren. Nicht jeden Konflikt zu gewinnen. Und nicht jede Zugehörigkeit zu verteidigen, als wäre sie Leben und Tod.
Ich weiß nicht, ob wir zu spät sind. Vielleicht sind wir nur früh.Früh in einer Epoche, in der unsere Werkzeuge größer sind als unsere Selbstkenntnis.Mit leicht zitternder Hand.