4KB bis zum Mond
Donnerstagvormittag in Hagen und keiner macht ein Gesicht
Donnerstagvormittag. Draußen schieben die Straßen ihren Krach durch Hagen, drinnen in der Innenstadt steht diese Kirche rum, kühl und ruhig und ein bisschen so, als hätte sie mit dem Rest vom Tag nichts zu tun. Ich geh rein, weil ich noch Zeit hab bis zu meinem Termin. Hinten letzte Bankreihe. Rechts vorne singt eine Frau, daneben sitzt einer an der Orgel. Probe. Mehr nicht. Ich schau erst die beiden an, dann hoch.
Decke. Säulen. Ahornblätter. Verzierungen. Überall. Wirklich überall. Auch da oben in den Ecken, wo keiner normal hinschaut und wo man als halb vernünftiger Mensch irgendwann sagen würde, reicht jetzt auch mal. Reicht aber nicht. Da zieht sich die Linie weiter. Gleiche Dicke. Gleiche Ruhe. Als wär das amtlich abgenommen oder vom Straßenbau durchgewunken worden. Da zieht mir der Moment den Stuhl unterm Satz weg. Unten ist immer Termin, Weg, Uhrzeit, Leute, Tasche, Handy, Eingang, Ausgang, der ganze brave Takt. Dann schau ich einmal hoch, da hängen Ahornblätter an Säulen in einer Kirche, und ich freu mich, als hätte man mir endlich die falsche Tür aufgemacht. Kein Mensch hätte gemerkt, wenn’s bei achtzig Prozent geblieben wäre. Trotzdem ist einer weitergegangen.
Ich denk an meine Zeit in Neapel. Strand. Flugzeuge. Zwei dicke Kreuzfahrtschiffe draußen im Wasser, weiße Hotelblöcke mit Sonne drauf, schwimmende Buffets wahrscheinlich, und darüber hängen einfach Maschinen in der Luft, Stahl, Kabel, Gummi, Sitze, Menschen mit schlechten Rückensäcken und Duty-free-Tüten, und irgendeiner denkt vielleicht gerade an seine Steuer oder an eine WhatsApp, während er in einer Metallröhre durch den Himmel geschoben wird. Und alle gehen sauber dran vorbei. Keiner sagt: Entschuldige bitte, da fliegt gerade Stahl. Da schwimmt Stahl. Als gehöre es in dieselbe Kategorie wie Parkschein lösen oder Klopapier kaufen. Is halt normal geh. Ist es halt nicht. Es ist nur gewohnt. Hexerei mit Sicherheitsbelehrung.
Wir sind mit grob 4 KB RAM zum Mond geflogen. 4 KB. Das ist so wenig, das klingt schon fast wie ein beleidigter Witz. Und trotzdem Mond. Und an einer Hausarbeit kann einen schon fertig machen, die Seitenzahl erst ab Seite zwei anfangen zu lassen. Mehr Bäume auf der Erde als Sterne in der Milchstraße. Und währenddessen sitzen wir darunter, ziehen Linien bis in die letzte Ecke, proben Kirchenmusik, buchen Kreuzfahrten oder essen Toast, machen auf nüchtern und in uns drin regeln Zellen die ganze Zeit nach, reparieren, reagieren, räumen auf, flicken was, schieben was weiter, halten Temperatur, halten Druck, halten den Laden. Müll raus, Leck schließen, Temperatur halten. Ohne Ansage. Ohne Boss. Ohne Lagebesprechung. Ohne den Typen, der vorne glaubt, er lenkt das. Die machen das einfach. Ich stell mir Zellen im Grunde wie eine Kleinstadt mit Stoffwechsel vor. Müllabfuhr, Straßenreinigung, Notdienst, Schichtbetrieb, irgendwer klebt was zu, irgendwer schleppt was weg, und keiner kriegt Applaus. Mehr Kompetenz als viele Besprechungen.
Und da vorn singt immer noch jemand.
Dann geht’s los. Kenn ich noch von früher. Bevor ich bei mir selber ein bisschen auf Lobotomie gemacht hab. Ahornblätter an einer Kirchensäule. Mond. Zellen. Kreuzfahrtschiffe. 4 KB RAM und mehr Bäume als Sterne. Und die übliche Sicht, dieses So-ist-halt-Ding. Vorn wird gelächelt und gewunken. Hinten wird längst der Tunnel gegraben. Wie mit Arbeitshandschuhen ertasten.
Danach kommt oft dieses Ja ja. Ja ja, nur Chemie. Ja ja, nur Kitsch. Ja ja, nur Show. Ja ja, nur Projektion. Ja ja, Kirche halt. Ja ja, Menschen machen halt Menschenzeug. Klar. Kann man sagen. Ist auch nicht ganz falsch. Zieht aber auch nicht den Stock aus dem Arsch. Nur Chemie. Und weiter? Dass in mir drin grade eine komplette kleine Welt weitermacht, während vorne eine singt und ich in Hagen in einer Bank hocke und draußen Stahl durch die Luft geht.
Diese Linie bis in die Ecke. Diese zehn Prozent Extra, die keiner gebraucht hätte. Ein Kreuzfahrtschiff ist lächerlich und komplett wirklich. Der Mond mit 4 KB RAM ist lächerlich und komplett wirklich. Meine Schlafhilfe auch. Wenn ich nicht pennen kann, geh ich manchmal in meinen Kopf und stell mir vor, wie ich im Kontrollraum der Tardis bin. Nicht als Gag. Wirklich. Und in einer Ecke sitzt dann so eine Wolke aus Mario Bros, wie ich sie noch vom Nintendo DS kenn. Dann lass ich mich da reinfallen und lieg da. Kindisch, funktioniert, fertig. Ist völlig bescheuert. Ist mir egal. Ich vertrau dieser Wolke mehr als vielen Haltungen, die tagsüber geschniegelt rumlaufen und ständig so tun, als wär Beeindruckbarkeit schon der erste Schritt zur Blamage. Als müsste man aufpassen, nirgends zu sehr hinzuschauen, weil’s peinlich werden könnte. Lächerlich. Genau dieses peinlich ist doch oft bloß der Türsteher von etwas, das eigentlich rein will.
Da vorne singt jemand. Da hält eine Linie bis in die Ecke. Da fliegt Stahl. Da schwimmt Stahl. Da steht mehr Baum als Stern. Da macht eine Zelle Schichtdienst. Da liegt eine Mario-Wolke in einer Zeitreise-Maschine, die es nicht gibt, und es hilft trotzdem. Völlig drüber. Und trotzdem wahr. Eine Kirche und Kleinstadt mit Stoffwechsel. Kreuzfahrtschiff und Hexerei. Der Mond und 4 KB RAM. Hagen und der Weltraum. Eine Probe und mehr als nur Probe.
An Witzen. An Stimmen. An dem, was Leute extra kleinhalten. An einer Linie, die bis in die Ecke hält. An einem Raum, der kühler ist als draußen und genauer als nötig. An einer Frau, die singt, obwohl Donnerstagvormittag ist und niemand klatscht. An Ironie als Jacke. An vernünftigem Kleinhalten. An dem Reflexhaften tu-mal-nicht-so. Is ja auch bekannt. Nichts Neues. Trotzdem.
Mehr passiert nicht. Probe. Donnerstagvormittag. Hagen. Termin. Draußen die lauten Straßen. Drinnen diese Blätter. In mir drin Zellen. Über uns noch immer der Mond mit seinen 4 KB im Gepäck. Dann steh ich irgendwann auf und geh wieder raus. Ampeln. Schaufenster. Leute mit Tüten. Ich schau aufs Handy, ein Bus bremst, irgendwo geht eine Parkhausschranke hoch. Alles da. „Passt schon“ steht hier rum wie ein Hausgott.