29.03.2026

Popo-lismus

Wie politische Entlastung zu Haltung wird

Dortmund Hauptbahnhof. Dienstagabend im Februar. Gleis 12, glaube ich. Oder 2. Ich weis nicht mehr. Es ist Kalt. Neben mir zwei Männer, Ende vierzig vielleicht.

Einer der beiden schaut auf sein Handy und sagt, ohne aufzusehen:

„Man wird ja wohl noch sagen dürfen."

Der andere nickt. Nicht zornig. Als wäre etwas abgefallen.

Mich hat nicht der Satz getroffen. Es war das Nachlassen im Gesicht getroffen. Für einen Moment war weniger zu tragen. Keine große Befreiung, nur gerade genug, um zu merken was solche Formeln können. Sie nehmen etwas ab, und zwar innerlich, bevor sie inhaltlich irgendwas behaupten. Man muss nicht noch einmal prüfen. Nicht noch einmal sortieren.

Politik wirkt oft, bevor sie überzeugt. In dem Moment, in dem ein Satz schon Erleichterung mitbringt, ist die eigentliche Arbeit meistens schon getan. Nicht die inhaltliche. Die andere.

Ich kenne diese Bewegung auch aus mir selbst. Weniger an dem Satz. Als Form. Endlich kein weiterer Aufwand.

Rechts tritt diese Entlastung im Moment gröber auf, mehr Grenze, mehr Schluss. Links ist sie oft besser verkleidet, moralischer oder verfahrensnäher. Nichtdestotrotz. Auch dort gibt es Sätze, die zu früh beruhigen.

Mich interessiert weniger die Ideologie als der Vorgang selbst. Ein Wort fällt, die Last des Offenen sinkt. Wenn Müdigkeit sich wie Einsicht tarnt. Oder wenn ich gar nicht die beste Antwort will, nur dass etwas aufhört.

Frieden, Ordnung, Demokratie, Nachhaltigkeit, Verantwortung. Wörte so nicht verdächtig sind.Sie sind nötig. Man kommt ohne sie nicht aus. Gerade deshalb muss man ihnen misstrauen, sobald sie zu früh Ruhe herstellen. Wenn sie statt nur zu benennen, schon das Gefühl liefern, dass jetzt jemand übernimmt.

Das Handy arbeitet daran scheinbar besser mit als jeder Redner. Solingen, 2024. Ein Anschlag, ein Land, das eine Woche lang über nichts anderes redet. Danach kam beides gleichzeitig: die eine Seite, die das Ereignis sofort in ihre bestehende Erzählung einsortierte, und die andere, die genau davor warnte und dabei selbst schon wusste, wie ihre Warnung klingen würde. Es schien sich alles darum zu drehen. Ich hab jedenfalls die nächste Tage fast nix anderes gesehn. Und das nicht weil ich es gesucht hätte.

Es brauch dafür keine Lügen. Es reicht die richtige Mischung aus Auswahl und Wiederholung. Das Material echt genug, um zu fühlen. Oft reicht es schon lange genug in eine Richtung zu zeigen. Niemand muss etwas erfinden.

Niemand muss mich persönlich hassen. Die Logik funktioniert. Das reicht so lang wie es soll. Aus Neigung wird Muster, und das Muster zu einem Reflex. Grenzen verschwimmen. Und damit meine Fähigkeit zu sagen ob mein Urteil aus Prüfung oder Wiedererkennung kommt.

„Die da oben." „Das System." „die Woken."„die Medien“ oder „das Patriarchat“. Bündeln, ordnen und Richtung geben. Die Erklärung steckt bereits in der Benennung. „Die Verhältnisse" schiebt die Haftung am weitesten weg, das ist der Unterschied zu „die Rechten", das noch relativ nah an einem realen Gegenüber bleibt. Je größer das Ganze wird, in das ich etwas einsortiere, desto weniger muss ich auf meinen eigenen Anteil schauen.

Ich rede über Gewalt und ändere meinen Ton nicht. Ich rede über Ausgrenzung und bleibe im Kleinen feige.

Die Zeit arbeitet im stillen mit. Kein Bruch fühlt sich an wie Bruch. Eine Formulierung, die vor fünf Jahren kalt geklungen hätte, wirkt heute bloß direkt. Das heißt dann Nüchternheit. Manchmal ist es nur Gewöhnung. Ich weis meist selbst nicht was der Fall ist. Und ich habe auch keine verlässliche Methode gefunden, das im Moment zu unterscheiden. Für den Moment. Vielleicht geht das auch erst im Rückblick, und dann ist es zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Und vielleicht is das nur der Reflex der unruhe eine ort zu geben.

Irgendwann trägt die schöne Ausgewogenheit selbst nicht mehr. Links is dabei nicht harmlos. Rechtsruck versteht es gerade schneller in Dinge zu übersetzt, die andere wirklich treffen. Der Ausschluss, die Erniedrigung oder Verfahren an stelle des Ton. Ich Behauptung das. Das ist keine Beobachtung, und sie kostet etwas, wenn sie falsch ist. Ich mache sie trotzdem.

Entlarvung kann auch bequem werden. Jede Seite hält sich gerne für die letzte ehrliche. Sie glauben, die Pose der anderen durchschaut zu haben. Entlarvung erspart oft mehr Arbeit als ein wirklicher Wahrheitsversuch. Dann wenn der Ekel vor Pose größer wird als die Aufmerksamkeit für tatsächlichen Schaden, macht man Härte wieder anständig.

Ich weiß nicht, wie man diese zwei Sätze gleichzeitig ernst nimmt. Ich mein den über die asymmetrischen Kosten und den über die Bequemlichkeit der Entlarvung, ohne dass einer den anderen am Ende doch entschärft. Ich habe darauf keine Antwort, die mir nicht selbst wie eine kleine Beruhigung vorkäme.

Der Bahnhof. Eine Flasche, die bei jedem Zug droht umzufallen und zu zerbrechen. Der Satz fällt. Der andere nickt. Und für einen Moment wird etwas leichter.

Die Flasche liegt denke ich immer noch da. Irgendjemand wird sie schon wegräumen.