Amélie
Amélie ist eine Fantasie darüber, wie man die Welt berührt, ohne ihr erst einmal direkt in die Augen sehen zu müssen.
Für einen Moment fühlt es sich warm an, wenn ich tue, was entschieden wurde. Wie eine Hand, die schon losgeht, bevor überhaupt jemand gefragt hat.
Dann stehe ich da, mit zu offenen Armen. Das kann großzügig wirken. Manchmal ist es das auch. Das erklärt aber nicht, warum es so eilt.
„Ich kümmer mich drum.“ Ein frühes Übernehmen. Als würde es den Raum stabilisieren, wenn ich ihn zuerst fülle.
Jemand nennt ein Problem, noch ohne um Hilfe zu bitten. Ich könnte mich anbieten. Spüre den Drang. Wenn ich nichts tue, könnte eine Chance vorbeigehen. Etwas, durch das wir uns näherkämen.
Noch weiß ich nicht, ob du Hilfe möchtest. Vielleicht wolltest du mir nur erzählen, was dich beschäftigt. Vielleicht möchtest du es selbst lösen. Vielleicht hoffst du tatsächlich, dass ich mich anbiete.
Ich weiß es nicht. Trotzdem höre ich in deinem Satz schon die Bitte.
Ich biete mich an und mache aus der offenen Situation meine Zuständigkeit. Damit steht fest, was ich tue.
Es folgt die stumme Kränkung, weil meine Hilfe angenommen, aber nicht in derselben Bedeutung erwidert wird. Ich entlaste und hoffe, dafür einen besonderen Platz zu behalten.
Ich kann viel geben und kaum erfahren, ob ich ohne dieses Geben angekommen wäre. Aber auch das weiß ich nicht: Was zwischen uns möglich gewesen wäre, wenn ich dich zunächst hätte antworten lassen.
Und manchmal ist es Fürsorge. Die Hilfe wird gebraucht. Ich möchte sie geben. Zugleich kann darin der Versuch liegen, etwas anderes abzuwehren. Enttäuschung, die schon im Anmarsch scheint. Ablehnung, bevor sie ausgesprochen ist.
Ich möchte dir helfen. Ich möchte auch nicht herausfinden müssen, was zwischen uns geschieht, wenn ich es nicht tue.
Im Moment des Gebens kann ich mich selbst übergehen. Das ist der Angst egal.
Ich möchte vorkommen. Selbst gehalten werden. Angeboten habe ich etwas, das helfen soll. Wir begegnen uns, und an dieser Stelle bleibe ich trotzdem unerreicht.
Mir fehlt die Erfahrung, wie ich etwas brauchen kann, ohne es vorher zu verdienen. Aus dem Wunsch, gehalten zu werden, wird ein Halten. Der andere soll erkennen, was nie gesagt wurde.
Eine Schuld, die niemand ausgestellt hat. Ich zahle sie trotzdem. Kleiner werde ich an der Stelle, die sich zeigen wollte.
Gebe ich, weil ich frei bin? Gebe ich, damit du bleibst? Gebe ich, um Reue und Scham zuvorzukommen?
Ich weiß selbst nicht genau, was ich mir verspreche. Es ist keine Entscheidung, auch kein Plan. Es ist älter. Etwas entscheidet noch und immer wieder. Oder so scheint es.
Die Erwartung steht trotzdem im Raum, wie ein Glas, das nicht umfallen darf.
Später merke ich, dass ich mehr zugesagt habe, als ich wollte. Das Wissen kommt zurück, die Zusage bleibt.
Ein Geländer sieht aus wie ein Heute nicht. Später. Oder „Das kann ich nicht.“ Oder ehrlich: „Das will ich nicht.“
Aber das Geländer beantwortet noch nicht, weshalb ich überhaupt schon vor einer Bitte vor der Frage stehe, ob ich Ja oder Nein sagen muss.
Vielleicht liegt die erste Schwierigkeit vor der Grenze. Ich kann die offene Situation nicht offen lassen.
Du hast ein Problem genannt. Ich hab nichts zugesagt. Du hast noch nichts verlangt.
Ich könnte fragen, ob du überhaupt etwas brauchst. Ich könnte zuhören, ohne schon eine Aufgabe daraus zu machen. Es könnte eine Nähe entstehen, die ich durch mein frühes Übernehmen gar nicht bemerkt hätte.
Vielleicht auch nicht. Manchmal ist die Gelegenheit tatsächlich vorbei, wenn ich zu lange warte. Manchmal wäre mein Angebot genau das gewesen, was du gebraucht hättest.
Ich möchte etwas richtig machen. Auch aus meinem Abwarten kann eine Leistung werden. Eine Hoffnung, dass du erkennst, wie viel Mühe es mich kostet, nichts zu übernehmen.
Mir scheint, zwischen „Ich könnte“ und „Ich mache es“ kommt das Wollen nicht zu Wort. Aber ich denke dort fehlt nicht nur mein Wollen. Ich habe auch deines schon beantwortet, bevor du es ausgesprochen hast. Was du gesagt hättest, kommt nicht mehr vor.
Ich möchte länger an dieser Stelle bleiben, damit etwas geschehen kann, das ich noch nicht entschieden habe.
Was ist, wenn ich ohne mein Geben weniger wert bin?
Ich kann mir sagen, dass ich auch ohne Leistung da sein darf. Ich spreche die Erlaubnis aus und weiß noch nicht, wie ich ihr glauben soll. Das Nein verschwindet, bevor es vortreten darf.
Ich kann versuchen wieder bei mir zu landen. Mich einsammeln. Zurück in meinen Takt kommen.
Die Bitte bleibt trotzdem bestehen, auch die Sehnsucht. Wie sie sich zeigen könnte, ohne sich als Geben zu verkleiden, weiß ich nicht.
Ich gebe zu viel und merke es erst hinterher. Oder ich weiß es schon und gebe trotzdem. Liebe kann Liebe sein, auch mit Angst. Oder Angst in schöner Handschrift.
Ich kann versuchen zu stehen. Nicht freundlicher sein, als ich gerade kann und will. Auch wenn die Tür nur einen Spalt offen ist.
Manchmal gebe ich, und es fühlt sich frei an. Manchmal bleibe ich, und es fühlt sich trotzdem eng an.
Jemand will etwas hervorbringen, von dem ich nichts weiß. Er nimmt dafür meine Hand. Was sie tut, weiß ich. Was durch sie entsteht, nicht.
überarbeitet am 03.11.2026