Die Tru(e)man Show
Was wir Stabilität nennen, ist vielleicht nur Stillstand, der gelernt hat, gut auszusehen.
Seit ich den „starken Mann“ oft angespannt statt weise sehe, frage ich mich, wann Autorität nur laut gewordene Angst ist. Stärke bloß der Versuch, das Zittern zu übertönen. Oder ein Platz, den einer nicht verlieren will.
Was wir Stabilität nennen erscheint mir oft Stillstand zu sein, der gelernt hat, gut auszusehen. Von außen läuft das Leben. Termine werden gehalten. Aufgaben erledigt. Das kann sogar beruhigen, solange es nicht Angst ist, die da steuert.
Schwierig wird es, wenn ich mir heimlich Grenzen ziehe und anfange, das Leben wie ein Projekt zu behandeln, das nicht scheitern darf. Begleitet von dem Gefühl, alles geregelt zu haben, ohne das die Regel hält. Ich selbst komm kaum noch voran. Dann passiert was Leises. Ein Abblenden.
Hier ist Stillstand mehr als "keine Bewegung". Außen klappt alles und innen will nichts mehr nach vorn. Viel tun, weniger spüren. Das Gemeine ist, dass sich das erst gar nicht falsch anfühlt. Zu glaube es sei "Erwachsen", "kontrolliert" oder "Verantwortungsbewusst" steht dabei schon im Vorfeld als "Regel" fest. Und manchmal stimmt das wahrscheinlich.
Weniger stark reagieren, nicht mehr ausbrechen und "alles im Griff haben". Das sieht nach Kompetenz aus. Und kann auch Kontrolle sein, die gelernt hat, sich gut zu verstecken. Hinter Höflichkeit, einem „Alles gut“ oder hinter einem Lächeln, das vorallem dann auftaucht, wenn ich glaube, dass es meint erwartet zu werden.
Das Leben lässt sich nicht nur Mechanik auf Mechanik reduzieren. Ich bin kein Werkzeug. Auch wenn ich mich so behandle. Wer alles absichern will, steht unter Spannung. Auch dann, wenn es ruhig aussieht. Das merk ich an Kleinigkeiten. Der berüchtigte feste Kiefer, ein steifer Nacken. Wenn die Stimme dem Ton vorauseilt. Oder flacheres Atmen, eine innere Wachsamkeit, die sich als „Reife“ tarnt. Vom Ich als Erleben zum Ich als Gegenstand.
Dabei verwechsle wir Stillstand mit Stabilität. Ohne das es je als überzeugt auftritt. Vielleicht will ich bloß keine Unruhe machen. Oder nicht ins Kreuzfeuer geraten. Was Kreuzfeuer hier bedeuten soll weiß ich nicht. Es gehört trotzdem rein.
Stabilität klingt nach Wurzeln, und Wurzeln sind wichtig. Nur tragen Wurzeln, wenn sie in mehrere Richtungen wachsen. Klingt nach Entfalltung. In meinem Fall hängt alles nur an einer Rolle, Routine oder Erwartung. Dann wird es eng. Das wirkt stabil, und macht verletzlich. So hängt alles an einem „So macht man das“. Dann reicht ein Moment, der nicht ins System passt. Wie ein Sozialarbeiter, glaube ich, sagen würde: Es wird „schwierig“, wenn zum Beispiel eine Tischtennisplatte aus dem Fenster im dritten Stock fliegt oder ein Kilogramm Kokain in der Sockenschublade auftaucht.
Ruhig leben und dabei gedämpft sein. „Sei der Stein in der Brandung“ soll nach Halt klingen. Ich höre für gewöhnlich: Bitte fühl nicht so viel, mach es nicht kompliziert. Bleib berechenbar! Dann ist Stabilität weniger Wurzel und mehr Betäubung. Wenn Vorhersagbarkeit mehr zählt als das Geschehen.
Dabei kommt oft so etwas wie "Ich brauch nicht mehr". Klingt vernünftig, und is wahrscheinlich auch nicht ganz falsch. Oder es ist Angst, die sich als Bescheidenheit verkleidet. Ein unauffälliges „Passt schon“, das ich so oft wiederholt habe, bis es mir als Wahrheit erscheint.
Ich nehm Angst nicht als Feind. Angst is etwas Gelerntes. Sie kann zeigen, was sonst keinen Ort gefunden hätte. Und sie mischt sich in Abläufe, die irgendwann Vorsicht Verantwortung oder Reife bedeuten sollen. Bis daraus die Gewohnheit wird, mich klein zu halten, damit bloß nichts schiefgeht.
Manche Bedrohungen gibt es nur auf dem Papier. Manche nicht. Ich kann nicht sagen was welche gemeint is. Und um sie zu vermeiden, vermeide ich dann gleich alles, was mich bewegen könnte. Auch das, was mir zeigen könnte, welche welche is. Dann leb ich um die Angst herum. Und fang an zu Reagieren bevor eine Wahlaufkommen könnte.
Ja zu Terminen sagen, weil es leichter ist als Nein. Zuverlässig sein, schnell antworten, Wort halten, und sich trotzdem auf kaum was freuen. Der Kalender wirkt dabei wie ein gut sortierter Käfig.
Ich kann vieles richtig machen, und innen bleibt es flach. So ein „Es ist okay“, das wie Enttäuschung klingt.
Ich bleib nich stehen, weil nichts ginge. ~~Ich geht zu viel, und in jedem davon steckt ein Fehler, den ich machen könnte.~~ Also bleib ich bei dem, was ich kenne, und nenn das dann „Sein“ oder "Ankommen".
Manchmal ist es auch ein nötiger Rückzug. Eine Phase, in der ich mich Erhole um nicht zu zerbrechen. Nur vergesses ich dabei, dass es eine Pause gab.
Der Stillstand, den ich mein, ist meist gar kein Mangel an Optionen. Mir fehlt die Erlaubnis. Fehler machen dürfen, Kontrolle abzugeben, dabei nicht perfekt zu reagieren. Nur weiß ich nicht mehr, was wann kommen soll.
Wer alles beherrschen will, kämpft ständig gegen Realität. Nur bewegt Realität sich, so wie wir auch, leise, so unscheinbar dass ich es erst merke, wenn die Pause vergessen ist.
Stabilität wär dann ein Stand, bei dem wir wackeln dürfen, ohne zu fallen. Kein starres Halten. Ob ich fall, liegt aber auch an dem, worauf ich steh.
Und Anpassung sieht aus wie Reife kann aber auch nur gutes Timing sein. Wie beim Familienessen, das sich anfühlt wie ein Theaterstück, die Rollen schon verteilt. Die richtigen Sätze, an den passenden Stellen lachen, höflich bleiben. Und erst später merken, dass ich kaum vorkam. Nur anwesend war.
Stabilität heißt auch, die eigene Wahrnehmung zu prüfen. Dabei nicht jede innere Warnung für Wahr zuhalten. Nicht jede Spannung für Gefahr. Wobei, genau das tut mein Körper schon die ganze Zeit. Im Kopf lässt sich das aber nicht prüfen.
Stabilität heißt, mich wieder dem Leben zuzuwenden. Entscheiden was ich leben will, statt nur zu meiden, was ich fürchte. Ein Gespräch, das ich nicht auf später verschiebe. Ich wüsste sogar, welches. Ein Schritt, bei dem ich nicht weiß, ob ich "gut" darin bin. Ein Nein, das leise bleiben kann, ohne dabei zu zittern.
Ich denke es braucht einen anderen Maßstab, der weniger nach Sicherheit und mehr nach Leben klingt. Ob Leben funktioniert, ist das eine. Ob es sich anfühlt, weiß ich noch nicht.
überarbeitet am 13.10.2026